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Online-Kurzgeschichten
Lesezeit: etwa 3 Minuten
von
Carolin S.

Der schöne Wilhelm

Ein zweischneidiges Schwert ist die Filmarbeit. Man schmeißt sein Leben über Bord. Keine Zeit für Hobbies, keine Zeit für Freunde. Wie schaffen Filmschaffende es, Familien zu gründen? Geschweige denn Beziehungen zu pflegen?
Ich falle Abends nach Drehschluss elendig müde auf meine Matratze und bleibe dort für die nächsten Stunden, bis ich am nächsten Morgen, der fast noch in der Nacht liegt, wieder aufstehe, meine Funktionskleidung anziehe und zu einem neuen Filmset-Drehtag abgeholt werde.
Wir fahren mal zehn Minuten, mal eine halbe Stunde – je nach Drehort, je nach Drehtag, je nach Stimmung und Wetter, Uhrzeit, Verkehr.
Ob ich das noch lange durchhalte, weiß ich nicht. Ich bemerke aber in meinem Hirn die Gedankengänge, dass ich dem Ende dieses Filmdrehs herbeisehne.
Ist das ein Lebensstil? Ist das eine gute Arbeitsmoral? Sollte man nicht den Moment genießen, den Tag leben, alles voll und ganz auskosten?
Die Menschen, die mich umgeben, sind sehr nett und familiär. Ich fühle mich gut aufgehoben und das rettet mich.
Braucht das Hirn Dopamin baut sich deshalb die Tatsachen nach Lust und Laune zusammen? Stichwort emotionsgesteuerte Wahrnehmung? Um zu motivieren, zu pushen, damit man jeden anstrengenden Tag auf"s Neue das gefühlt Unmögliche schaffen kann?
"Ich bin Wilhelm", stellt sich der Beleuchtungsassistent nach einigen Tagen am Set-Catering vor und reicht mir die Hand.
Ver-dammt! Ist der hübsch!
Sein freundliches Lächeln strahlt mir entgegen und erhellt mein müdes Gemüt an diesem Morgen um sieben Uhr dreißig um eine massige Anzahl von Lux.
Einige Tage später – oder Wochen, wenn man rational urteilen möchte, denn Zeit braucht dieser Prozess ja – habe ich mich verliebt.
Ich muss es mir eingestehen. Dabei passen wir kaum zueinander. Ich kenne ihn kaum. Man hängt in so einem Filmteam zwar den ganzen Tag aufeinander herum, aber von Liebe zu sprechen hält mein rationaler Verstand für abwegig.
"Ist doch scheißegal!", höre ich mein naives Ego sagen, "Ich brauche diesen Push jetzt! Und du auch! Sonst hältst du es nicht durch, dich diesen harten Winter über so früh am Morgen aus der Bettdecke zu schälen."
Den letzten Satz nehme ich erst ein halbes Jahr später wahr – denn mein Crush beruht natürlich nicht auf Gegenseitigkeit.
Es dauert ein bisschen, bis mein Apfelmus-Hirn normale Formationen und Funktionen annimmt. Doch eins ist sicher: Such dir deinen Push, aber nicht in einem Crush.